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Die Entwicklung der WAAGE Hannover
1990 - Gründung des Vereins WAAGE Hannover Die WAAGE Hannover e.V. wurde Ende des Jahres 1990 als Verein für Konfliktschlichtung und Wiedergutmachung gegründet, der Verein wurde am 1.7.1991 ins Vereinregister eingetragen. Ziel war der Aufbau einer gemeinnützigen Schlichtungsstelle zur Bewältigung von sozialraumnahen Konflikten, seien sie zivilrechtlich oder strafrechtlich relevant. Im Hinblick auf die in Deutschland in der Konfliktvermittlung/Mediation seit Mitte der 1980er Jahre im Jugendbereich gemachten Erfahrungen wurde zunächst eine Konzeption des sog. außergerichtlichen Tat- bzw. Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) im allgemeinen Strafrecht erarbeitet. Um eine kontroverse und fruchtbare Diskussion zu gewährleisten und den Verein vor professionsbedingter Engstirnigkeit zu schützen, ist er von Beginn an interdisziplinär zusammengesetzt. Vertreten sind MitarbeiterInnen aus Berufsfeldern wie Justiz und Polizei, Sozialabeit/Sozialpädagogik und Wissenschaft.
1992 - TOA-Projektbeginn Projektbeginn ist am 1.7.1992. Die Waage arbeitet drei Jahre als TOA-Modellprojekt im allgemeinen Strafrecht mit umfassender wissenschaftlicher Begleitung unter der Leitung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Die Finanzierung erfolgt für die praktische Durchführung durch das Land Niedersachsen, für die Begleitforschung durch Mittel der VW-Stiftung. Die Fallzuweisung ist im ersten Jahr trotz Informationsveranstaltungen in der Justiz und bei der Polizei und zahlreicher persönlicher Gespräche mit den zuweisenden DezernatsmitarbeiterInnen unbefriedigend.
1993 - Sonderdezernat für TOA Im Januar 1993 wird in der Amtsanwaltschaft ein Sonderdezernat für TOA eingerichtet. Kollegen können geeignete Fälle in den Zuständigkeitsbereich des Sonderdezernenten abgeben. Im März 1994 wird der Waage der 300. Fall zugewiesen.
1994 - TOA-Standards Im Dezember 1994 scheint sich nach zweieinhalbjähriger Erprobung die Machbarkeit des TOA im Erwachsenen- bereich zu bestätigen. Im Zuge des neuen Verbrechens- bekämpfungsgesetzes tritt auch eine Änderung hinsichtlich des TOA in Kraft. Der § 46a wird ins StGB eingefügt.
Ende 1994 werden die TOA-Standards vom TOA-Servicebüro veröffentlicht, an deren Entstehung die Waage in einer fünfköpfigen Projektgruppe beteiligt war. Das Handbuch für die Praxis ist das Ergebnis 15-monatiger Arbeit. Viele erfahrene Vermittler aus dem gesamten Bundesgebiet erklären die Qualitätsstandards als Richtschnur für ihre Arbeit. Die aktuelle Version der TOA-Standards ist zu finden unter: http://www.toa-servicebuero.de
1995 - Fallzahlen steigen Im Januar 1995 bearbeitet die Waage ihren 500. Fall. Im März 1995 beschließt der Landtag die Weiterfinanzierung der Waage nach der Modellphase. Die Fallzahlen steigen nunmehr stetig an. 1994 erhält die Waage 236 Verfahren zugewiesen. 1995 sind es bereits 279 Verfahren. 1996 steigt die Zahl auf 353.
1997 - fünfjähriges Bestehen der WAAGE Hannover Der Bekanntheitsgrad der Waage wächst, zunehmend melden sich Bürgerinnen und Bürger von sich aus – ohne den Umweg einer Anzeige bei der Polizei oder Staatsanwaltschaft – bei der Waage mit der Bitte um eine Konfliktvermittlung. Für die Vermittler ergeben sich eine Reihe von Zusatzaufgaben, wie Vorträge zum TOA bei der Polizei, in Schulen, für Rechtsreferendare, Richter und Rechtsanwälte. Außerdem engagiert sich die Waage auf kommunaler Ebene durch die Teilnahme an mehreren "Runden Tischen" z.B. zu den Themen "Gewalt in der Familie" und "Gewalt gegen Senioren". Auch die Qualität der Fälle hat sich verändert. Wurden anfangs neben Körperverletzungsdelikten häufiger "leichtere" Fälle wie Beleidigung, Nötigung zugewiesen, wird die Waage nunmehr auch in Fällen eingeschaltet, in denen die Beschuldigten einschlägig vorbestraft sind oder unter Bewährung stehen. Häufig werden Fälle mit erheblichen Schäden über die Waage geregelt. Im Rahmen des HaIP-Projektes (Hannoversches Interventionsprojekt gegen Männergewalt in der Familie) werden der Waage verstärkt Fälle aus dem Bereich innerfamiliärer Gewalt zugewiesen.
1999 - Finanzierung einer zusätzlichen Vermittlerstelle Die Waage Ende 1999 erhält die Bewilligung zur Finanzierung einer zusätzlichen Vermittlerstelle. Das Team besteht nun aus zwei weiblichen und zwei männlichen Vermittlern, von denen jeweils eine/einer halbtags und eine/einer ganztags beschäftigt sind.
2001 - Auflösung der Sonderdezernate Ab 2000 steigen die Fallzahlen wieder an. Das Team der Waage konstituiert sich nach 8 Jahren Arbeit neu. Mit Beginn des Jahres 2001 werden die Sonderdezernate aufgelöst. Ab diesem Zeitpunkt sollen alle Dezernenten TOA-Fälle direkt an die Waage überweisen. Von der Behördenleitung wird eine monatliche Fallzuweisung in Höhe von 50 Fällen prognostiziert. Bis Anfang Juli 2001 sind bei der Waage über 300 Verfahren eingegangen. Die Anzahl der zugewiesenen Verfahren, die aus dem Bereich innerfamiliärer Gewalt stammen, macht inzwischen ein Drittel bis die Hälfte der insgesamt zugewiesenen Fälle aus. Mittlerweile wenden sich auch ein zunehmender Teil der Bürgerinnen und Bürger von selbst an die Waage mit der Bitte um Konfliktvermittlung (sog. Selbstmelder).
2002 - Modellprojekts zur Ausbildung ehrenamtlicher Mediatoren Die Waage beginnt im Juni 2002 in einem bundesweiten Modellprojekt in Kooperation mit dem TOA-Servicebüro, Köln, und mit Förderung des Landes Niedersachsen mit der Ausbildung ehrenamtlicher Vermittler.
2004 - Start der Praxisphase des Modellprojekts zur Einbindung ehrenamtlicher Mediatoren Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Waage haben ihre Grundausbildung in Mediation im Januar abgeschlossen. Mit Förderung der Klosterkammer Hannover beginnt die Praxisphase des Modellprojekt zur Einbindung der 11 ehrenamtlichen Mediatoren in die Vermittlungsarbeit. Die Gruppe ist heterogen zusammengesetzt (Männer und Frauen im Alter von 32-64 Jahren) und verfügt über unterschiedliche berufliche Vorerfahrungen (Juristen, Lehrer, Kaufleute, Ingenieure, Pastor, Journalistin, ...).
Die Mitarbeiter der Waage Hannover entwickeln zusammen mit Kollegen/innen anderer Einrichtungen die Standards zur Bearbeitung von Fällen aus dem sozialen Nahraum mit Gewalthintergrund (Standards Verfahren häuslicher Gewalt).
2005: Die Waage startet eine Kampagne zur Thematisierung der Problematik häuslicher / innerfamiliärer Gewalt. Plakat-Ausstellungen im Amtsgericht und im Rathaus der Landeshauptstadt haben große, auch überregionale Resonanz, sprechen insbesondere auch Jugendliche an und leisten einen Beitrag zur Prävention.
04.07.2005: Die Waage gehört zu den ersten Einrichtungen in Deutschland, die mit dem TOA-Gütesiegel der BAG Täter-Opfer-Ausgleich und des TOA-Servicebüros, Köln, ausgezeichnet werden. Das Gütesiegel signalisiert Geschädigten, Beschuldigten Justizverwaltung und Gerichten: Hier gibt es fachgerechte, der beiderseitigen Wahrung der Interessen der Beteiligten verpflichtete Mediation in Strafsachen. Das heißt für die Betroffenen und die Kunden in Justiz und Politik: Die nachhaltige und kostengüstige Umsetzung / Verwirklichung von Ausgleichender Gerechtigkeit.
2006: Im Oktober Abschluss des Modellprojekts „Bürgerschaftliches Engagement, Einbindung der ehrenamtlichen Mediatoren in den Regelbetrieb der Vermittlungsarbeit der Waage. Beginn der konzeptionellen Arbeiten für das Projektvorhaben „Interkulturelle Konfliktberatung und Vermittlung im Gemeinwesen. Anerkennung der Waage als Beratungsstelle im BISS-Verbund (Beratungs- und Interventionsstellen für Opfer häuslicher Gewalt) in der Stadt Hannover.
03.12.2007 - Die Waage feiert das 15jährige Jubiläum des TOA-Projektes mit einer Festveranstaltung in der Cumberlandschen Galerie des Niedersächsischen Staatstheaters Hannover mit freundlicher Unterstützung der Sparkasse Hannover und der VGH Hannover. Seit Projektbeginn im Juli 1992 wurden insgesamt 6722 Verfahren (mit 8166 Geschädigten/ 7624 Beschuldigten, also insgesamt 15790 beteiligten Personen) bearbeitet. Im Durchschnitt sind es jährlich derzeit etwas über 600 Verfahren. Der Schwerpunkt der Fallbearbeitung liegt bei (gefährlichen) Körperverletzungen (75-80%), darüber hinaus geht es häufig um Sachbeschädigungen, Bedrohungen, Nötigungen etc. Einen besonderen Schwerpunkt (mittlerweile 60% der Fälle) bilden seit einigen Jahren Fälle von innerfamiliärer Gewalt (i.d.R. Männergewalt gegen ihre (Ex-)Partnerinnen). In ca. 50% der bearbeiteten Fälle kam es zu einer außergerichtlichen Einigung, nur ca. 5% der Einigungsversuche scheiterten, in den restlichen Fällen lehnten Beteiligte eine Mitwirkung ab oder waren nicht zu erreichen.
03.11.2008 - Eröffnung der staatlich anerkannten Gütestelle Waage Hannover e.V. durch den niedersächsichen Justizminister Bernd Busemann. ---> Fotogalerie
Am 24.09.2008 wurde die Waage Hannover vom Niedersächsischen Justizministerium als "anerkannte Gütestelle" zur außergerichtlichen Regelung zivilrechtlicher Streitigkeiten zugelassen. Damit können Beteiligte eines Streites ihre Konflikte nicht nur einvernehmlich und verbindlich regeln, sondern im Hinblick auf den Streitgegenstand auch einen Vollstreckungstitel ohne ein gerichtliches Streitverfahren erwerben. 15 Jahre nach unserer Gründung haben wir einen weiteren wichtigen Schritt zur Verwirklichungen unseres schon bei Gründung der Waage formulierten Zieles, als "Community Justice Center", also sozialraumnahe, gemeinnützige Schlichtungsstelle nicht nur in strafrechtlichen, sondern auch in zivilrechtlichen bzw. allen anderen Konflikten vemittelnd tätig sein, gemacht. Bislang gibt es neben den Notaren und als Gütestelle zugelassenen Rechtsanwälten eine Reihe von Schlichtungsstellen der Verbraucherzentralen, berufsständischen Verbänden und Kammern oder Anwaltsvereinen. Die Waage Hannover e.V. ist aber unseres Wissens bundesweit die erste gemeinnützige Mediationsstelle, die als anerkannte Gütestelle zugelassen wurde. Mit diesem Projekt ermöglichen wir breiten Bevölkerungskreisen einen niedrigschwelligen Zugang zu einer außergerichtlichen und fairen Konfliktlösung. ---> zur Konzeption der Gütestelle
Herbst 2008: Die Waage Hannover entwickelt zusammen mit dem JA der Stadt Hannover und dem Familiengericht des AG Hannover ein Konzept Mediation im familienrechtlichen Verfahren in hochstrittigen Sorge- und Umgangskonflikten insb. in gewaltgeneigten Familien und erprobt dies erfolgreich in einem Pilotprojekt. Trotz heftigen Drängens des AG Hannover hat das Land bislang eine Finanzierung nicht sicherstellen können, so dass das Projekt vorläufig eingestellt werden musste. Die Sparkasse Hannover sagt im Sommer 2009 eine anteilige Projektförderung für drei Jahre zu, wodurch die Bearbeitung einzelner Fälle wieder möglich wurde. Mit Wirkung zum 1.1.2010 hat die Waage einen Kooperationsvertrag mit dem JA der Stadt Hannover geschlossen, aufgrund der in den vom JA zugewiesenen Fällen eine Konfliktberatung und Vermittlung in hochstritten Sorge- und Umgangs- konflikten mit Gewalthitergrund möglich ist und nach Fachleistungsstunden refinanziert wird. Nun ist es Sache des Landes sowie der Region Hannover, die Fortsetzung dieses allseits begrüßten Beratungs- und Vermittlungsangebot zum Wohl der betroffenen Kinder für ihren Bereich sicher zu stellen. Ergebnisse der verbalen Unterstützungsbekundugen stehen noch aus.
2010: Das Gütesiegel der Bundesarbeitsgemeinschaft TOA, wurde um weitere 5 Jahre verlängert.
Am 07.05.2011 wurde die Waage Hannover auf den Internationalen Mediationstagen in Hamburg mit dem sog. JugendWinWinno der internationalen DACH-Mediationsvereinigung ausgezeichnet. Den EhrenWinWinno erhielt der "Roundtable Mediation in der Wirtschaft". Der WinWinno trägt dazu bei, dass sich etwas ändert: der Jugend-WinWinno unterstützt Aktivitäten im Bereich der Jugendförderung, der Ehren-WinWinno ehrt WinWin-Innovationen an Erwachsene. Die Waage Hannover wurde für ihr Projekt und spezifischen Ansatz zur Beratung und Vermittlung in hocheskalierten Familienkonflikten in gewaltbelasteten Familien und die Institutionen übergreifende Kooperation und Vernetzung in Familienkonflikten ausgezeichnet. Es ist uns eine Freude und Ehre diese nur einmal im Jahr vergebene Auszeichnung entgegen zu nehmen und in diesem Zusammenhang auf das positive Kooperationsklima im Rahmen der Hannoverschen Familienpraxis, insbesondere zum Jugendamt der Stadt Hannover und dem Familiengericht Hannover hervorheben. Ebenso hervorzuheben ist das Engagement der Sparkasse Hannover, ohne deren Förderung das Projekt nicht weitergeführt hätte werden können. Weitere Informationen --> hier
Die Waage Hannover ist zwar staatlich anerkannt, der Verein erhält allerdings bislang nur für den im Auftrag des Landes durchgeführten Täter-Opfer-Ausgleich eine nicht kostendeckende Projektfinanzierung. Für den Betrieb der Gütestelle und der anderen Angebote erhält die Waage keine öffentlichen Mittel, weder vom Land noch von der Stadt und Region. Wir erhoffen uns freilich künftig nicht nur ein verstärktes finanzielles Engagement der öffentlichen Hand, sondern suchen auch intensiv nach privaten Förderern und Sponsoren, die einen wichtigen Beitrag für die Konfliktkultur und damit das öffentliche Leben in der Stadt und Region Hannover leisten wollen.
08./09.072011: Die Waage Hannover feiert ihr 20jähriges Jubiläum --> Symposium
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